Revue 400 SE

Eine Messsucherkamera

Vor kurzem erstand ich recht günstig eine alte Messsucherkamera, eine Revue 400 SE. Die Kamera war in einem für ihr Alter guten Erhaltungszustand musste nichtsdestotrotz aber überholt werden, dazu aber später mehr.

Revue 400 SE

Steckbrief

Diese Kamera wurde von etwa 1976/77 bis Anfang der Achtziger Jahre hergestellt und über (Foto-)Quelle vertrieben, wobei Quelle resp. Revue diese Kamera nicht hergestellt hat. Vermutlich handelt es sich hier um eine Auftragsfertigung durch Cosina für Quelle. Von dieser Kamera kursieren sehr ähnliche, fast baugleiche Varianten z.B. die Vivitar 35ES oder Konica S3. In der Tat kann man z.B. die Bedienungsanleitung der Vivitar 35ES eins zu eins auch für die Revue 400 SE nehmen.

Die Kamera verfügt über eine Blendenautomatik, die Belichtungszeit muss manuell eingestellt werden und unterstützt Zeiten von 1/8 … 1/500 Sekunde und interessanterweise auch die Einstellung B. Unterstützte Filmempfindlichkeiten sind ISO 25..800. Fokussiert wird mit Unterstützung des Messsuchers manuell mittels eines kleinen Hebels an der Seite des Objektivs. Soweit sticht die Revue 400 SE hier nicht hervor. Dies ändert sich allerdings wenn man sich das Objektiv anschaut. Bei der Revue 400 SE wurde ein ungewöhnlich lichtstarkes und nach allgemeiner Meinung sehr gutes 40 mm 1,7 verbaut.

Eher nachteilig bei dieser Kamera ist die fehlende Möglichkeit die Blende einzustellen, diese kann nur indirekt über die Belichtungszeit gesteuert werden. Ein weiterer Wermutstropfen ist die 1,35V Quecksilber-Batterie für den Belichtungsmesser deren Verkauf bereits seit etwa 20 Jahren in der EU verboten ist. Eine Ersatzmöglichkeit sind 1,4V (Zink-Luft) Hörgeräte-Batterien. Weder neigen diese Batterien zum Auslaufen noch fördern sie die Korrosion wie die alten Quecksilber-Batterien und haben natürlich auch nicht die Toxizität der alten Quecksilberbatterien.

Überholung der Kamera

Der Allgemeinzustand der Kamera die ich erstanden hatte war für ein Alter von ~40 Jahren noch gut. Sie war grundsätzlich funktionsfähig. Die Mechanik war soweit in Ordnung, die Blendenautomatik funktionierte noch und der Belichtungsmesser zeigte von der Beleuchtungsstärke abhängige Werte an. Allerdings gingen die 40 Jahre nicht spurlos an der Kamera vorbei. Folgende Punkte konnte ich an der Kamera identifizieren welche näher angeschaut resp. überholt werden mussten :

  • Die Lichtdichtungen hatten sich fast vollständig aufgelöst
  • Auf den optischen Elementen des Suchers hatten sich Ablagerungen gebildet, ein Blick durch den Sucher zeigte ein nebliges Bild
  • Der Messsucher war dejustiert, bei der Einstellung Unendlich waren noch Doppelbilder zu erkennen, ebenfalls ließen sich die Bilder in der Vertikalen nicht exakt übereinander bringen
  • Der Belichtungsmesser musste überprüft werden ob er plausible Werte liefert
  • Der Batteriekontakt war korrodiert
  • Eine Grundreinigung war notwendig
  • Das Objektiv zeigte ein leichtes Spiel

Nach allem was ich im Netz recherchieren konnte ist dieser Befund bei einer Messsucherkamera aus den 70-ziger Jahren nicht ungewöhnlich sondern eher sogar die Regel. Somit machte ich mich Schritt für Schritt an die Restauration der Kamera.

Lichtdichtungen

Als erstes kamen die Lichtdichtungen an die Reihe. Da fertige Lichtdichtungssätze für die Revue 400 SE nicht mehr erhältlich waren fertigte ich diese aus handelsüblichen 1..2 mm starken schwarzen Moosgummi selbst an. Hierzu war ein wenig Bastelarbeit notwendig. Insgesamt dauerte diese Aktion weniger als eine Stunde, danach waren die Lichtdichtungen rundherum auf dem neuesten Stand.

Neue Lichtdichtungen

Reinigung des Messsuchers

Die Reinigung des Messsuchers war ebenfalls recht schnell erledigt dank der Anleitung von -> Elmar Baumann. Hier wird sehr gut beschrieben wie die Kamera zerlegt werden muss um an den Sucher gelangen zu können. Um die vertikale Ausrichtung des Suchers justieren zu können muss die Kamera auf dieselbe Weise zerlegt werden wie in dem Artikel von Elmar Baumann beschrieben.

Als Ergänzung noch zu dem oben genannten Artikel. Als langjähriger „praktizierender“ Amateurastronom habe ich wenig Berührungsängste auch vor hochwertigen Optiken und reichlich Erfahrung im Reinigen derselben. Somit habe ich sämtliche Teile des Suchers gründlich gereinigt inkl. Spiegel mit einer speziellen Reinigungsflüssigkeit, dem Baader Optical Wonder. Ohne hier Werbung machen zu wollen, über den Produktnamen kann man unterschiedlicher Meinung sein (?), aber dieses Reinigungsmittel ist sein Geld absolut wert da es eine rückstandslose und schonende Reinigung aller optischen Oberflächen ermöglicht, sowohl Linsen als auch Spiegel. Fusselfreie Tücher und Wattestäbchen kamen bei der Reinigung zur Anwendung.

Damit waren die (zeit)aufwendigsten Punkte bereits abgearbeitet. Nach der Reinigung zeigte sich im Sucher ein klares und helles Sucherbild, allerdings nachwievor dejustiert. Somit war die Justierung des Suchers die nächste Aufgabe.

Justierung des Messsuchers

Auch für die Justierung des Suchers gibt es im Netz bereits eine gute Anleitung von ->Lichtgriff. In einem ersten Schritt korrigierte ich die horizontale Abweichung der Abbildung des Suchers bei der Objektiveinstellung Unendlich bei der der Sucher noch Doppelbilder zeigte. Anschließend zeigt der Sucher noch eine geringe vertikale Abweichung. Diese muss für die exakte Fokussierung zwar nicht zwingend korrigiert werden, wirkt aber störend bei der Fokussierung. Daher wurde diese ebenfalls korrigiert. Die Einstellungen wurden bei der Objektiveinstellung ∞ an verschiedenen geraden Kanten (Häuserwände, Dächer, Fenster) in ausreichender Entfernung (>> 100 m) vorgenommen und überprüft.

Funktionsprüfung des Belichtungsmessers

Abschließend wurde noch die korrekte Funktionsweise des Belichtungsmessers geprüft nachdem die alte Batterie durch eine neue ersetzt war. Vergleichsmessungen mit einem separaten Belichtungsmesser ergaben eine gute Übereinstimming, die Abweichungen waren geringer als ein EV.

Blick in den Sucher (nicht fokussiert)

Objektivspiel

Leichtes Spiel beim Objektiv und der Fokussierung bis hin zu wackligen Objektiven scheinen bei diesen alten Revue Kameras Usus zu sein. Die Gründe reichen soweit ich im Netz recherchieren konnte von defekten Objektiven, fehlerhaften (zu kurzen Schrauben) bei der Montage bis hin zu abnutzungsbedingten Gewindespiel. Da bei meiner Revue 400 SE nur ein recht geringes Spiel vorhanden ist welches bei der Fokussierung nicht auffällt habe ich mich entschlossen, dass Objektiv nicht zu zerlegen da dabei die Gefahr eines Totalschadens nicht gering ist.

Elektrische Probleme

Nach der abschließenden Reinigung war die Kamera wieder betriebsbereit und der erste Film konnte eingelegt werden, doch welch Schreck beim ersten Bild, der Belichtungsmesser war mausetot, der Zeiger verharrte bei Blende 1,7 ganz unten und war nicht dazu zu bewegen die korrekte Blende anzuzeigen. Mein erster Gedanke war, dass die neue Batterie einen Defekt hat, aber auch ein weiterer Austausch der Batterie konnte den Belichtungsmesser nicht zu einer Reaktion bewegen. Die Polung der Batterie war korrekt. Da erinnerte ich mich an Berichte im Netz über korrodierte Batteriekontakte und Kabel, aber auch die Reinigung der Batteriekontakte half noch nicht weiter.

Bei der Reinigung des Batteriekontaktes fiel mir allerdings auf, dass der Pluspol der Batterie auf dem unteren Gehäusedeckel liegt welcher wiederrum über drei kleine lackierte Schrauben mit dem eigentlichen Kamerachassis verbunden ist. Ich vermutete aufgrund des Alters dort ebenfalls Korrosions/Kontaktprobleme. Somit den Gehäusedeckel unten entfernt und die drei Kontaktstellen beidseitig abgeschliffen und siehe da, mit dieser Aktion war der Kontakt wieder hergestellt und der Belichtungsmesser wieder funktionsfähig.

Der erste Film

Der erste Testfilm ist nun eingelegt, ein Kodak Gold 200 Farbfilm. Die Bedienung der Kamera ist sehr einfach, die Fokussierung ist nach der Justage des Suchers wieder sehr genau möglich, der Auslöser und Verschluss laufen sehr leise und unspektakulär im Vergleich zu meinen analogen Nikon SLRs. Die Kamera ist recht klein und gut transportabel in einer kleinen Tasche. Aufpassen muss man nur bei dem Belichtungsmesser, es gibt keinen Ausschalter. Fällt Licht auf den Belichungsmesser verbraucht die Kamera Strom. Somit muss diese bei Nichtgebrauch an einem dunklen Ort (Tasche) untergebracht werden.

Und die ersten Ergebnisse

Der erste Film wurde belichtet und entwickelt. Von Landschafts- über Architektur bis hin zu Portraits war alles dabei und die Ergebnisse sind durchaus ansprechend. Die Bilder sind soweit korrekt belichtet, weder über- noch unterbelichtet in den verschiedenen Situationen und auch scharf. Allerdings muss man der Scharfeinstellung ein besonderes Augenmerk zukommen lassen da der Spielraum (Winkel) des Hebels für die Scharfeinstellung an der SE 400 recht klein ist. Manuelle SLR Objektive lassen sich da genauer und deutlich entspannter scharf stellen.

Leider habe ich den Film offensichtlich im falschen Labor entwickeln lassen da sich auf den Negativen nach dem Scan viele kleine weiße Punkte/Fehler befinden. Das kannte ich bisher nur von ungenügend gewässerten SW-Negativen aus meiner Anfangszeit der SW Filmentwicklung. Ich hatte den Film aus Bequemlichkeit (ist näher) erstmalig bei Rossmann abgegeben. Davor hatte ich alle meine Farbfilme bei Müller entwickeln lassen mit dort bisher immer guten Ergebnissen. Man lernt nie aus…

Unten noch einige Beispielbilder aus dem ersten Film mit der SE 400, Testbilder ohne irgendwelche künstlerischen oder sonstigen Ansprüche.

Bahnhof – Kodak Gold 200
Wanderweg bei Nürnberg – Kodak Gold 200
Ort bei Nürnberg (Winter) – Revue 400 SE

Ausschnittsvergößerung aus obigen Bild (Scan mit 4200 dpi) – Filmkorn und Schärfe gut sichtbar

Resümee

Anfänglich hatte ich doch einige Bedenken ob ich die Kamera wieder zum Laufen bekomme. Neben der Restaurierung machte mir insbesondere der Belichtungsmesser Sorgen da diese alten CdS (Cadmiumsulfid) Fotowiderstände Alterungsprozessen unterliegen und dann zu Abweichungen neigen bis hin zu gar nicht mehr brauchbar. Passende Ersatzteile sind dann nur noch sehr schwer aufzutreiben was dann im worst case mit einem Totalschaden der Kamera enden würde.

Angenehm überrascht war ich bereits bei der Prüfung des Belichtungsmesser, dass dieser im Vergleich zu anderen, moderneren Belichtungsmessern nur eine sehr geringe Abweichung von weniger als einem EV zeigt. Der erste Testfilm bei unterschiedlichen Beleuchtungssituationen hat dies bestätigt. Die Bilder sind rundherum korrekt belichtet, soweit dies mit einer Blendenautomatik in den verschiedenen Situationen geht.

Die exakte Fokussierung ist deutlich schwieriger mit der Revue 400 als bei analogen SLRs. Da gefällt mir persönlich die Fokussierung am Objektiv besser. Nichtsdestotrotz sind mit ein wenig Geduld bei der Fokussierung recht scharfe Bilder möglich. Allerdings bleibt der Eindruck, dass die Schärfe die ich bei meinen analogen Nikons erreiche einen Tick besser ist. Fairerweise muss ich hier aber zugeben, dass bei den Nikons nur das Objektiv damals (wie heute) bereits ein Mehrfaches der Revue 400 SE (ge)kostet (hat). Unter diesem Aspekt kann man die Schärfe der Bilder der Revue 400 als sehr gut bezeichnen.

Verwenden werde ich die Kamera auch weiter wenn ich nur mit leichtem Gepäck unterwegs sein werde. Bei Wanderungen und Ausflügen die nicht die Fotografie zum Ziel haben oder bei Städte-Touren und bevorzugt auch bei Streetfotografie.

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