Letztmalig war ich in den 80-er Jahren im Mittelformat unterwegs, mit einer Voigtländer Bessa (6×9) Faltkamera. Dann vollzog ich einen Schwenk auf das 35 mm Format und legte mir meine erste SLR zu, eine Olympus OM1n. Mit diesem Schwenk legte ich die Fotografie im Mittelformat damals für eine lange Zeit zu den Akten.
Einer Adox Mess Golf I neues Leben eingehaucht
Losgelassen hat mich das Mittelformat aber nie ganz. Und für den günstigen Wiedereinstieg heute in die MF Fotografie habe ich mir vor kurzem eine alte Adox Mess Golf I Kamera zugelegt, eine 6×6 Faltkamera. Aufgrund ihres Alters von fast 70 Jahren musste diese trotz guten Erhaltungsgrads überarbeitet werden. Insbesondere der Messsucher bedurfte Zuwendung in Form von Reinigung und Justierung. Zur Justierung des Messsuchers gibt es unten dann noch weitere Details.
Der Michael Spengler hat einen hervorragenden und sehr umfangreichen Artikel über die Adox Golf Serie veröffentlicht, für eine allgemeine Beschreibung dieser Kamera-Serie möchte ich daher auf diesen Artikel verweisen [Die ADOX Golf – neu betrachtet].

Auch wenn das Erscheinungsbild der Adox Golf heute aufgrund ihres Balgens doch ein wenig anachronistisch ist spielt sie ihre Vorteile durch ihr geringes Gewicht und kompaktes Packmaß voll aus. Sie misst kaum 140 mm in der Breite und gut 9 cm in der Höhe bei weniger als 500 Gramm Gewicht. Damit ist sie leichter und handlicher als manche Kleinbild SLR Kamera.
Das ist mir persönlich wichtig da ich in der Landschaftsfotografie häufig zu Fuß längere Strecken zurück lege. Dabei kommt dann noch wenn notwendig ein leichtes und kompaktes Carbon Stativ von Rollei zum Einsatz da je nach verwendeter Blende und Film die Belichtungszeit bei 1/100 Sekunde oder auch länger liegt. Sehr positiv im Vergleich zu manch anderen alten Faltkameras ist dabei die Lage des Stativanschlusses bei der Adox Golf, dieser ist mittig und nicht außen am Rand des Kamerabodens.

Meine Adox Mess Golf hat ein voll vergütetes drei-linsiges Cassar Objektiv (Triplet-Anastigmat), 1:4,5/75mm von der Firma Steinheil in München. Dieses ist kombiniert mit einem PRONTO Verschluss der Zeiten von 1/25 … 1/200 Sekunden und die Einstellung ‚B‘ erlaubt bei Blenden von 4,5 … 22. Im allgemeinen wird diesem Objektiv eine recht gute Abbildungsqualität nachgesagt obwohl es nur ein Drei-Linser ist.
Interessant ist auch noch, dass die Adox Mess-Golf zwei Sucher hat. Der zentrale quadratische ist der Standard-Sucher um den Bildausschnitt zu bestimmen, der rechte, runde Sucher ist der separate Messsuchereinblick.

Der Messsucher arbeitet dabei ‚ungekuppelt‘, d.h. die Entfernungseinstellung am Messsucher ist nicht gekuppelt mit der Entfernungseinstellung am Objektiv.
Verwendung findet bei der Adox Mess Golf ein Mischbild-Entfernungsmesser. Die beiden Bildausschnitte im Sucher werden dabei durch Drehen des linken Messrings deckungsgleich übereinander gebracht. Die eingestellte Entfernung kann anschließend an der Messskala abgelesen und manuell auf die Entfernungseinstellung des Objektivs übertragen werden.
Die Adox Golf Kameras werden heute zuweilen als sehr günstige ‚Volkskameras‘ aus den 50-er Jahren beschrieben. Das mag man so vielleicht für die Golf 63/45 Serien sehen aber auf die älteren Adox Golf Kameras mit Cassar Objektiven passt das nicht mehr wirklich. Laut dem Artikel vom Michael Spengler [Die ADOX Golf – neu betrachtet] hat z.B. die Mess Golf I bei Ihrer Einführung 1953 118,- DM gekostet. Heute nicht viel, auf den ersten Blick, aber inflationsbereinigt würde diese Kamera heute rund 350,- EUR kosten. Noch deutlicher wird der Preis im Verhältnis zum monatlichen durchschnittlichen Bruttoeinkommen (Vollzeit) 1953 von 338,- DM. Die Adox Mess Golf I kostete neu rund 1/3 eines damaligen monatlichen Durchschnittsbruttoeinkommens (!)
Instandsetzung und Justierung des Messsuchers
Die Kamera war in einem recht guten Zustand als ich sie bekam. Sie erfuhr zunächst eine Grundreinigung und die Lichtdichtungen, so sie denn jemals welche hatte, mussten erneuert werden. Erfreulicherweise erwies sich der Balgen als noch weitgehenst lichtdicht, dieser ist häufig ein Schwachpunkt bei alten Balgenkameras. Bei dieser Mess Golf musste ich nur einige winzige Lichtlecks an den Faltecken abdichten, dazu mehr weiter unten. Das Objektiv, die Blende und der Auslöser sind ebenfalls funktionsfähig, letzterer zeigt auf den ersten Blick auch plausible Werte.
Vor Justierung des Messsuchers sollte zunächst geprüft werden ob die am Objektiv eingestellten Entfernungen zu den tatsächlichen Objektentfernungen passen. Dazu kann z.B. ein nicht belichteter aber entwickelter Filmstreifen verwendet werden. Dieser wirkt wie eine Feinmattscheibe und kann temporär in der Filmebene der Kamera fixiert werden. Die Belichtungszeit an der Kamera wird dann auf ‚B‘ gestellt, der Verschluss geöffnet und mittels Feststellschraube am Drahtauslöser offen gelassen.
Anschließend können Objekte bekannter (abgemessener) Distanz eingestellt und mit der (10x) Lupe auf der Feinmattscheibe genauer hinsichtlich der Schärfe untersucht werden. Bei der hier beschriebenen Mess-Golf konnten so verschiedene Distanzeinstellungen von ∞ bis hin zu einem Meter am Objektiv erfolgreich verifiziert werden. Nach Reinigung und Justierung arbeitet der Messsucher dabei sogar überraschend präzise.
Um den Messsucher der Golf reinigen und justieren zu können muss zunächst der Kameradeckel entfernt werden. Vor der Demontage sollte der Messsucher auf ∞ eingestellt werden für die spätere Justierung.
Nun muss der Filmtransportknopf entgegen dem üblichen Schrauben-Drehsinn gelöst werden. Es hilft dabei eine Zange zum Kontern welche innen angesetzt wird, dann lässt sich der Filmtransportknopf ohne große Probleme lösen. Der Meßring/Skalen-Knopf lässt sich mittels der beiden kleinen Schrauben einfacher lösen. Anschließend kann der Deckel abgeschraubt werden, dieser ist mit zwei kleinen Schrauben links und rechts fixiert. Anschließend ist der Blick auf das Innenleben des Messsuchers frei.

Über die kleine Schraube markiert mit dem linken Pfeil wird die horizontale Abweichung des Messsuchers justiert, mit der rechten kleinen Schraube die vertikale Abweichung.
Bei dieser Gelegenheit wurden natürlich auch die beiden (teildurchlässigen) Spiegel gereinigt und auch die optischen Elemente in dem Gehäusedeckel.
Abdichtung von Lichtlecks im Balgen
Wie schon oben erwähnt fanden sich bei genauerer Betrachtung doch einige Löcher in dem Balgen der Kamera. Genau an den Ecken wo die Knickstellen des Balgens sind hat der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen und eine helle LED Leuchte hinten in die geöffnete Kamera gehalten schimmerte im Dunkeln schwach durch einige winzige Löcher hindurch.
Ein früherer Test wo die geladene Kamera einen Nachmittag ausgeklappt auf dem Tisch stand zeigte hingegen keine Lichtlecks. Genauere Untersuchungen bereits gemachter Bilder zeigten dann aber doch auf wenigen Bildern ganz schwache Anzeichen von Lichtlecks. Betroffen waren nur Bilder die im Sonnenschein aufgenommen wurden. Durch diese winzigen Löcher im Balgen hat das Sonnenlicht seinen Weg auf die Emulsion gefunden.
In Netz und diversen Foren werden verschiedenste Mittel zur Reparatur und Abdichtung von Balgen erwähnt und diskutiert aber eine Patentlösung scheint es hier nicht zu geben. Aufgrund des hohen Alters und des relativ geringen Marktwertes der Kamera kam ein Ersatz des Balgens nicht in Frage.
Nach einigen Recherchen fand ich den Tipp die winzigen Löcher im Balgen mit (matt)schwarzen Nagellack zu versiegeln da dieser in die Löcher eindringen kann, diese verklebt und bis zu einem gewissen Grad auch trocken noch flexibel ist.
Somit habe ich sämtliche Ecken des Balgens mehrfach mit schwarzem Nagellack behandelt und tatsächlich ist der Balgen nun komplett lichtdicht, auch noch nach mehrfachem (>>10) Ein- und Ausklappen der Kamera. Wie nachhaltig diese Behandlung ist wird sich allerdings noch zeigen.
Da ich der Nagellack-„Lösung“ doch nicht so ganz traue habe ich mir noch mit einem Stück Stoff aus einem alten lichtdichten Rollo eine lichtdichte Balgenabdeckung gebastelt die sich in wenigen Sekunden über den Balgen legen lässt so in der Sonne fotografiert werden soll.

Nachtrag
Auf Dauer erwies sich die Nagellacklösung wie schon befürchtet als nicht wirklich dauerhaft. Nach etlichen Faltungen und vermutlich auch aufgrund der Austrocknung des Nagellacks bröselte letzterer wodurch sich die winzigen Lichtlecks wieder einstellten. In einem neuen Versuch diese abzudichten habe ich nun schwarzen Neopren-Kleber (m2) verwendet. Dieser ist auch nach dem Trocknen flexibel und dichtet bisher den Balgen zuverlässig ab. Wie nachhaltig diese Lösung nun ist wird man mit der Zeit sehen.
Und in der Praxis ?
Anschließend konnte ich dann die ersten Testfilme belichtet werden. Zunächst kam ein klassischer Fomapan 100 zum Zuge, passenderweise entwickelt in Adox FX39 II, anschließend noch ein Fomapan 200, etwas empfindlicher aber nicht so feinkörnig wie der Fomapan 100. Für die Belichtungsmessung musste in Ermangelung eines richtigen Belichtungsmessers noch mein iPhone herhalten welches aber i.d.R. recht plausible Werte liefert. Die Golf ist wunderbar transportabel was mir sehr entgegenkommt da ich in der Landschaftsfotografie häufig zu Fuß lange Strecken zurück lege.

Im KB ist der Fomapan nicht wirklich feinkörnig, im Mittelformat hingegen aufgrund des geringeren Vergrößerungsfaktors erscheint das Korn recht fein. Generell liefert der Film schöne Grauwertverläufe im Mittelformat.
Hier noch eine Auswahl der ersten Ergebnisse mit dieser fast 70 Jahre alten Kamera. Die meisten Bilder habe ich mit Blenden kleiner/gleich 6,3 aufgenommen auch um die Abbildungsfehler des 3-Linsers zu reduzieren. Filter kamen nicht zum Einsatz. Die Bilder sind dabei reine Test-Bilder ohne weiteren Anspruch.

Scanned wurden die Negative mit einem günstigen Flachbett-Scanner von Canon (Canoscan 8800F) unter Verwendung der Software Vuescan. Anschließend wurden die Positive noch geringfügig im Bildbearbeitungsprogramm überarbeitet.

Von diese allerersten Ergebnissen bin ich durchaus angetan, immer im Hinterkopf wissend, dass diese Kamera deutlich älter ist als ich…
Die nächsten (Test-)Bilder sind auf Fomapan 200 belichtet. Ein eigentlich sehr schöner Film nur im Kleinbild (mir) leider etwas zu körnig. Im Mittelformat hingegen fällt das Filmkorn nicht unangenehm auf.
Leider leidet der Fomapan 200 im Mittelformat immer noch an dem bekannten/berüchtigten Rückpapier-Problem welches sich auf dem Positiv durch dunkle mehr oder weniger regelmäßige Punkte bemerkbar macht. Diese sind in den Bildern unten natürlich weg-retuschiert worden.



Daher hatte ich zwischenzeitlich den Ilford FP4+ getestet und einige Bilder in der Fränkischen Schweiz mit der Adox gemacht.



Im weiteren Verlauf bin ich dann auf den Rollei RPX 100 Rollfilm umgestiegen welcher entwickelt in FX39II bei mir zu sehr guten Ergebnissen führt. Der Rollei RPX 100 ist dabei auch deutlich feinkörniger als der Foma 200.
Mittlerweile haben auch noch ein B&W Aufsteck-Gelbfilter und eine passende Aufsteck-Gegenlichtblende ihren Weg zu mir und meiner Adox gefunden. Wenig überraschend profitiert von beiden der Kontrast der Bilder nicht wenig. Unten noch einige Bilder damit aufgenommen in Nürnberg.


Einfache Adox Golf Kameras ohne Messsucher sind häufig und vor allem auch günstig in den bekannten Portalen erhältlich und bieten durchaus eine günstige und gute Grundlage um in die Mittelformat-Fotografie hinein zu schnuppern.
Laut der Seite vom Michael Spengler zeigen die einfachsten und günstigsten Versionen der Adox Golf (63 und 63S mit ADOXAR 1:6,3/75) eine recht ausgeprägte Vignettierung und Randunschärfe.
Insbesondere die Messsucher Varianten der Adox Golf mit Steinheil Cassar Objektiven F 4,5 oder gar F 3,5 sind hingegen viel seltener und wenn sie angeboten werden auch deutlich teurer. Allerdings lassen sich auch die einfachen Adox Golf mittels Aufsteck-Messsucher nachrüsten.
Nach meinen Erfahrungen mit dieser Kamera kann ich sie für den Einstieg in die Mittelformatfotografie durchaus empfehlen. Einziger wirklicher Schwachpunkt ist der Balgen, ist dieser stark löcherig oder gerissen taugt die Kamera meist nur noch für die Vitrine, ist der Balgen aber weitgehendst noch in Ordnung steht der Nutzung meist nichts im Weg.
